3. August 2013

Das Charlie-Girl

Früher hieß es „In Amerika gibt es alles“, heute sagt man „Im Internet gibt es alles“. Das stimmt aber gar nicht. Es gibt überhaupt nicht alles im Internet! Es gibt zum Beispiel keine essayistisch-geistreiche Abhandlung über das Charlie-Girl von Revlon. Und dabei würde ich das so gern lesen!




Das Charlie-Girl, das ab 1973 in Riesenschritten allein durch New York, Paris und London spaziert. Und zwar in Hosen. Angeblich war die Charlie-Anzeige die erste Parfumwerbung, in der eine Frau in Hosen vorkommt. [Nicht etwa, dass davor Männer in Röcken abgebildet gewesen wären!]




Das Parfum Charlie wurde 1973 von Revlon in Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen auf den Markt gebracht: Women’s liberation movement war in vollem Gange, Geschlechterrollen veränderten sich. Portraitiert wurden in der Charlie-Kampagne junge, selbstbewusste Frauen, die ein unabhängiges Leben führen und sogar allein in Bars gehen – Frauen, die Hosen tragen!




In einem Artikel mit dem gewagten Titel A Fragrance to Empower Women: The History of “Charlie” von Deirdre Bird, Helen Caldwell und Mark DeFanti vom Providence College, Rhode Island, USA, aus dem Jahre 2011 heißt es:

Revlon created “Charlie” for a contemporary and younger woman. It epitomized the lifestyle approach and trend towards a more casual, everyday fragrance. “Charlie’s” advertising theme featured a liberated woman model […] in a pant suit, confidently striding down a New York street, epitomizing a chic New York woman, interested in fashion, but not its slave. She had her own style and was her own woman. This advertisement was a major departure from classic perfume advertisements featuring glamorous women in evening attire. The common perfume appeals of romance, glamour and status were nowhere to be found in a “Charlie” advertisement. Importantly, the “Charlie” girl had selfconfidence, with interests and a life of her own. She was not longing to attract a man. “Charlie” was aimed at women who see fragrances as a fun and pleasurable item, not a sex appealer. The fragrance reflected the social trends of the early-to mid-1970s, embracing both the youth culture and the women’s movement. It ushered in an important new trend: the lifestyle fragrance.




Ich bin übrigens sehr froh, dass all die Frauen damals auf die Marketingstrategie von Revlon reingefallen sind und Charlie zu einem weltweiten Superseller gemacht haben. Nur deswegen gibt es all die tollen Charlie-Anzeigen und Charlie-TV-Spots, die ich mir jetzt so gern anschaue! Und die Ihr Euch jetzt auch anseht: Hier und hier zwei Werbespots aus den Siebzigern mit Shelley Hack. In den Achtzigern war sogar Sharon Stone ein Charlie-Girl (im Hintergrund singt Cindy Lauper), in den Neunzigern waren es Cindy Crawford und Linda Evangelista.




Interessant finde ich: Als Chloé vor zwei, drei Jahren das Parfum Love, Chloé herausbrachte, war der Spot dazu eine eindeutige Hommage bzw. geradezu eine Liebeserklärung an das Charlie-Girl, schaut mal hier! Ist etwa das, was das Charlie-Girl in den Siebzigern und Achtzigern war, heute das Chloé-Girl? Das legendäre Chloé-Hosenvideo legt dies nahe.

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2 Kommentare:

OpenID suschna

An dieses Girl kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Dafür bin ich bei deinen anderen Rückblicken aber meist dabei. So habe ich hier noch ein leuchtend kobaltblaues Strickschlauchensemble aus den 80ern von Marc Cain. 20 Jahre lang war die Farbe indiskutabel, und nun bin ich zu alt, um darin als modisch verstanden zu werden.

5. August 2013 um 11:45  
Blogger ROSINE

Nein? Seltsam - ich habe nämlich das Gefühl, verfolgt worden zu sein vom Charlie-Girl mit seinen Riesenschritten ...

5. August 2013 um 19:25  

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