25. Mai 2017

Bericht aus Venedig und aus Triest

Sackkarren in allen Farben, Formen, Größen und Variationen, Müllboote, DHL-Boote, Vaporettos, Handwerkerboote, Rettungsboote – Venedig ist ein Paradies für Logistikliebhaber und man kann Stunden damit zubringen, sich immer komplexere Transportszenarien auszudenken und sich zu fragen, mit welch findiger Lösung die Lagunenstadtbewohner wohl aufwarten. Vaporettofahren macht einen Heidenspaß und ich bin der Meinung, die EU-Behörden in Brüssel sollten allen EU-Mitgliedsstaaten vorschreiben, dass dieser spezielle Grünton, für den es sowieso noch keinen richtigen Namen gibt (ich spreche von Grünspangrün, manche nennen diesen Ton auch Säuregrün) und in dem die Innenausstattung der Vaporettos gehalten ist, ab jetzt für alle verbindlich Vaporettogrün heißt:


Die Venezianer sind nicht nur transportbesessen, sie sind auch hundeverrückt; wobei dies auch für die Triestiner und möglicherweise für ganz Italien gilt. Ohne Hund braucht man sich eigentlich überhaupt nirgendwo blicken zu lassen, wenn man bella figura machen möchte. Besonders beliebt sind diese kleinen weißen Exemplare und ich weiß auch, wieso – ein Besuch in der Galleria Franchetti im Ca' d'Oro brachte Aufschluss. Dort hing folgendes, ich vermute aus den Uffizien ausgeliehenes Bild des italienischen Renaissancemalers Dosso Dossi ("Allegoria di Ercole"):


Genau mit so einem Hund (oder zweien oder dreien) rennt nicht nur ganz Venedig und ganz Triest, sondern wahrscheinlich halb Italien durch die Gegend! Um welche Hunderasse es sich handelt, weiß ich nicht, ich nenne diesen Hund jedenfalls Italiens Antwort auf den Deutschen Schäferhund.

Und was wäre Italien, ginge man nicht mit einer Style-Inspo nach Hause? Meine kommt von Flavio Briatore, der in einer TV-Talkshow auf La7, in die ich zufällig reingeschaltet hatte, mit folgender Äußerung für Aufruhr sorgte: "Chi cerca lavoro lo trova, altri mangiano spaghetti con la mamma", was wohl in etwa "Wer Arbeit sucht, findet sie auch, alle anderen essen Spaghetti mit Mama" heißt. Ich verfolge nicht, was Flavio Briatore macht, und so ist es mir auch entgangen, dass er nicht mehr seine Signature-Brille mit den blauen Gläsern trägt, sondern dieses Hammermodell:


Genau so eine Brille brauche ich! Und wenn man wählen muss zwischen arbeiten und Spaghetti essen mit Mama, ist ja wohl klar, wie die Entscheidung auszufallen hat.

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8. März 2015

Bericht aus Lissabon

Habe ich in meinem letzten, bald vier Jahre zurückliegenden Beitrag zu der Kategorie „Bericht aus“ über Brüssel geschrieben, Brüssel sei eine Stadt ohne Bänke, dann kann ich nun mit Fug und Recht festhalten, Lissabon ist eine Stadt der Banken. „Aha“, denkt man sich, wenn man auf der Suche nach einem Supermarkt durch die Lissabonner Innenstadt läuft, „so sieht also dieses Bankenretten in real life aus.“ – denn es befindet sich ungefähr in jedem zweiten Gebäude eine Bankfiliale. Es ist tatsächlich einfacher, in Lissabon eine Bank zu finden als einen Supermarkt! Vom Find-Schwierigkeitsgrad her, würde ich sagen, liegen Supermärkte in Lissabon ungefähr auf einem Level mit Stoff- und Wollgeschäften, wenn nicht sogar darüber! Ich habe nämlich in der Innenstadt vier Stoffläden und ein Wollgeschäft gezählt, aber nur drei Supermärkte – einen der Firma Minipreço und zwei der Firma Pingo Doce (von mir frei aus dem Bauch heraus mit „Zwölf Pinguine“ übersetzt).


Was es hingegen enorm häufig gibt, zum Glück häufiger als Bankfilialen, sind sogenannte Pastelarias (eine Art Konditorei oder Kaffeebar), in denen man sich den lieben langen Tag mit enorm gutem Gebäck vollstopfen kann – außer zwischen 12:30 und 14:00 Uhr sowie zwischen 20:00 und 22:00 Uhr. In diesen Zeitintervallen verwandeln sich die Pastelarias in kleine Restaurantes und man schwenkt von den süßen pastéis de nata um auf die andere Spezialität Lissabons, den Stockfisch (bacalhau). Total toll!


Ich erwäge derzeit sogar die Anschaffung eines Mini-Bunsenbrenners bzw. Karamellisiergerätes, um so meine Versorgung mit den pastéis de nata auch in Zukunft sicherzustellen. Wo ich den bacalhau herbekomme, ist allerdings noch unklar.

Wenn man in der Pastelaria oder im Restaurante bezahlen möchte, ruft man nicht etwa pagar durch die Gegend, sondern man nimmt Augenkontakt mit dem Kellner auf, woraufhin der Kellner in Kombination mit einem fragenden Blick mit dem Daumen und Zeigefinger eine Unterschreib-Bewegung macht, wie man sie auf den EC-Karten-Symbolen findet:


Die Rechnung bekommt man dann auf einem Geldtablett mit eingebauter Wegfliegsperre serviert, denn es ist sehr windig in Lissabon – Stichwort Atlantik.


Läuft man außen an einer Pastelaria vorbei und sieht innen einen Bekannten sitzen, dann winkt man und macht das Daumen-hoch-Zeichen, woraufhin der/die Innensitzende ebenfalls mit Winken und der Thumbs-up-Geste antwortet. Insgesamt, so scheint mir, redet man in Lissabon nicht sehr viel, und das Wenige, das man sagt, sagt man sehr leise und nuschelt es so vor sich hin. Sehr sympathisch! Ich habe mich selbstverständlich vor Reiseantritt mit den wichtigsten Begriffen vertraut gemacht – bitte, danke, Guten Tag und so weiter. Zur Verabschiedung sagt man angeblich Adeus, a-de-usch ausgesprochen, aber ich sage Euch, in der ganzen Woche habe ich niemanden dieses Wort sagen hören! Sogar auf dem Rückflug habe ich mich noch gewundert, wieso der Taxifahrer zur Verabschiedung am Flughafen „hurry up“ zu mir sagt, wo ich doch total pünktlich war. Bis es mir dann kurz vor Schönefeld wie Schuppen von den Augen fiel: Der hat gar nicht hurry up gesagt, der hat adeus gesagt!


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16. Oktober 2011

Bericht aus Brüssel

Brüssel – Stadt ohne Bänke. Ohne Bänke, nicht ohne Banken! Banken wird es wohl geben in Brüssel, das habe ich nicht überprüft, aber Bänke gibt es definitiv keine in dieser Stadt. Schließlich wollen all die tausend kleinen Brasserien besucht werden. Da braucht man keine Sitzmöbel im öffentlichen Raum. In Brüssel gibt es sogar Vergünstigungen für Angestellte, wenn sie in einer Brasserie zu Mittag essen, anstatt sich was von zuhause mitzubringen. Was bei uns also das Jobticket, ist in Brüssel der Jobbrasseriebesuch. Vegetariern muss von einem Brüsselbesuch allerdings strikt abgeraten werden. Außer Fleisch gibt es nur Muscheln und wer weder das eine noch das andere mag, muss sich von Fritten ernähren, dafür dann aber mit fünfzehn verschiedenen Soßen. Oder von Pralinen. Pralinen – das ist bekannt – gibt es hervorragende in Brüssel. Nicht selten muss man beim Stadtbummel die Brille herausholen, um überhaupt erkennen zu können, ob es sich bei einem Geschäft um einen Juwelier oder um einen Pralinenladen handelt. So werden in Brüssel Pralinen behandelt! Wie Juwelen!

Nicht wie mit Juwelen und auch nicht wie mit Diamanten oder ähnlichem, sondern exakt wie mit dem letzten Dreck wird hingegen mit Fußgängern verfahren. Wenn man es wagt, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen, wird man von den Brüsseler Autofahrern sofort unmissverständlich in die Wohnung zurückgehupt. Fahrradfahrer gibt es keine, die wurden schon alle überfahren und auf einem namenlosen Selbstmörderfriedhof außerhalb der Stadtmauer begraben, glaube ich. Deswegen von meiner Seite eine Liebeserklärung an die deutschen Autofahrer und die Abwesenheit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen. Sollen sie ihre Aggressionen auf der Autobahn rausfahren, da stört es mich nicht, da bin ich ja nie, solange sie sich im Gegenzug in der Stadt weiterhin an jede Verkehrsregel halten und weiterhin eine rote Ampel als Autorität anerkennen. Nach einem Brüsselbesuch kommen einem deutsche Autofahrer derart nett und höflich vor, man könnte direkt in Versuchung kommen, wieder ohne Helm Fahrrad zu fahren.

Ein anderer Grund für die fehlenden Bänke könnte übrigens auch das Brüsseler Wetter sein. Angeblich regnet es ja praktisch pausenlos in Brüssel. Da braucht man keine Sitzmöbel im öffentlichen Raum. Während meines Brüsselaufenthaltes rund um den 3. Oktober hat aber ausnahmsweise rund um die Uhr die Sonne geschienen. Einheitswetter in Belgien, könnte man also sagen! Was aber dazu führte, dass die Gleichung Muscheln + französisch + verdreckte Straßen + Schmuddelwetter = Brüssel nicht griff, sondern ich mich ständig in Südfrankreich wähnte, weil durch das prima Wetter natürlich die Faustregel Muscheln + französisch + verdreckte Straßen + tolles Wetter = Stadt in Südfrankreich getriggert wurde. Brüssel also unbedingt bei schlechtem Wetter besuchen, Leute!

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13. September 2010

Bericht aus Frankfurt am Main

Endlich habe ich mein eigenes Leben wieder! Wochenlang im Hotel wohnen macht keinen Spaß, auch wenn es in Frankfurt am Main ist, wo längere Hotelaufenthalte kein Einzelschicksal und keine Seltenheit, sondern im Gegenteil total normal und somit gang und gäbe sind. Übrigens, noch blöder als im Hotel wohnen müssen ist krank im Hotel wohnen müssen.

So ungefähr 600 000 Einwohner hat Frankfurt und angeblich kommen zusätzlich täglich zwischen 500 000 und 1 000 000 Menschen (hier widersprechen sich die Angaben) zum Arbeiten in die Stadt, was die Main-Metropole zu einer Art Scheinriesen macht: Man kommt an und denkt, Hey, krass, Frankfurt ist ja eine richtige Großstadt, was hier los ist, toll, so viel Trubel, da bleibe ich mal übers Wochenende hier und schau mir das alles an! und dann findet man sich in einem Taunus-Dorf wieder, wo samstags und sonntags alle Cafes und Restaurants zu sind und die Straßen wie leergefegt. Nur die Crack-Junkies, die bleiben auch übers Wochenende da.


Es gibt aber einen super Trick, um eine Scheinriesen-Stadt ganz einfach zu enttarnen: Wenn man aus dem U-Bahnhof nach oben kommt und sich in Sichtweite ein weiterer U-Bahnhof-Eingang befindet, bei dem es sich aber nicht um den hinteren Ausgang der U-Bahn-Station handelt, von der man gerade nach oben gekommen ist, sondern bereits um den Eingang zum nächsten U-Bahnhof, dann weiß man, Aha, ich befinde mich in einer Stadt, die größer scheint als sie tatsächlich ist.

Aber das nur nebenbei - wo war ich stehengeblieben? Ach ja: Frankfurt ist neben Hamburg die Crack-Haupstadt Deutschlands und ich frage mich schon lang, wieso eigentlich in Berlin Crack keine Rolle spielt. Überhaupt ist die offene harte Drogenszene Berlins im Vergleich zu Frankfurt und Hamburg quasi nicht existent - seltsam, wo man doch für gemeinhin von der Gleichung "je größer die Stadt, desto krasser die Drogenszene" ausgeht. Trifft auf Berlin wohl nicht zu. Beinahe heimelig wirkt der Drogentreffpunkt am Kottbusser Tor in Berlin, wohingegen ich in Frankfurt fast aus den Latschen gekippt bin ob all des schlimmen Crack-Elends.


Ansonsten ist Frankfurt natürlich genau so, wie man es von einem richtigen Frankfurt erwartet. Es gibt einen Goetheplatz und eine Goethestraße, und wo eine Goethestraße ist, ist die Schillerstraße nicht weit, das ist in Frankurt wie überall in Deutschland. Die Metzgereien heißen Worschtkörbsche, die Kneipen Fennischfuchser und den besten Kaffee gibt es wo? Im Ordnungsamt natürlich, wo keiner damit rechnet! Das Ordnungsamt, das werde ich eventuell vermissen.

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24. September 2009

Bericht aus Graz


Als eingefleischter Österreich-Freak spiele ich selbstverständlich regelmäßig "Kennst Du Österreich?", das berühmte und beliebte Gesellschaftsspiel für Groß und Klein, für Jung und Alt.


Der Weg von Wien nach Graz ist mir also bekannt, und was ich spielerisch gelernt habe, wird nun in die Tat umgesetzt: Am Südbahnhof steige ich in einen Zug nach Graz und über Leobersdorf und Wiener Neustadt geht es zum Semmering hinauf.


Während der Fahrt eigne ich mir mithilfe der uralten Kulturtechnik "aus dem Fenster Hinausschauen" die Umgebung an. Wie jedes Kind weiß, soll Metternich einmal gesagt haben, der Balkan beginne in Wien, gleich hinter dem Rennweg. Dem möchte ich hinzufügen: Die Steiermark beginnt am Semmering, gleich hinter Niederösterreich. Weiter geht es also über Mürzzuschlag* (fehlt auf dem Spielbrett - einzeichnen nicht vergessen!) und Bruck an der Mur nach Graz. Der Aufenthalt in Graz steht ganz im Zeichen von Äpfeln, Kürbissen, Kürbiskernöl, Wettbüros, Spielhallen und Bordellen. Angeblich hat die ÖVP in Graz einmal plakatiert, in Graz gebe es, Skandal, mehr Wettbüros als Kindergärten. Vielleicht kann die SPÖ die ÖVP übertrumpfen, indem sie plakatiert, dass es in Graz mehr Bordelle als Wettbüros gibt? Apropos geben. In Graz gibt es auch sehr schöne Wursteinpackpapiere. Eines hab ich in einem Rinnstein in Lend, dem 4. Arrondissement von Graz, gefunden:


Ansonsten sieht Graz ungefähr ganz genau so aus wie auf meinem Spielbrett. Das hat der Illustrator/die Illustratorin schon korrekt umgesetzt:


*Etwas Lustiges am Rande: Vor noch nicht allzu langer Zeit hieß in Österreich ein Kurzzug Einfachgarnitur. Das Lustige daran: Ich habe manchmal Einfachgarnitur und Mürzzuschlag verwechselt, was war nochmal der Kurzzug, was die Stadt? Komisches Oberstübchen habe ich da.

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19. August 2007

Bericht aus dem Urlaub

*Ich habe einige ruhige, beinahe stinklangweilige Ferientage zunächst in München, dann in Niederösterreich und schließlich im Chiemgau/Oberbayern verbracht.

*Der "Mitbewohner" war auch mit dabei und hat mir in München die Feldherrnhalle gezeigt, die irgendwas mit seiner Verwandtschaft zu tun hat (der "Mitbewohner" ist so eine Art König oder so, wos waaß i).

*In Niederösterreich hatte ich die prima Gelegenheit, einmal die kompletten Jahrgänge 1973 bis 1996 der ebenfalls prima Hobby-Schneiderinnen-und-Schneider-Zeitschrift burda moden durchzuarbeiten. Meine Analyse ergab, dass ich die Kleider aus dem Jahr 1975 und die aus dem Jahr 1981 am schönsten finde und dass die Achtziger weniger das Jahrzehnt der Karottenjeans und der Schulterpolster als vielmehr das Jahrzehnt der Abführmittel, der Appetitzügler und der vergessenen Deosprays (Janine D., Impulse, Raphael und noch was mit f, Fram, glaube ich) sind. Etwas anderes als diese drei Produkte wurde seinerzeit nicht beworben.

*Zumindest für Niederösterreich gilt: fett is the new leiwand.

*Bayern ist wahrscheinlich das schönste deutsche Bundesland. Hier ein original bayrischer Baum:



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9. Juli 2007

Bericht aus dem Ruhrgebiet

Schimanski-Jacke on.

*Essen ist, das weiß jeder, der Schreibtisch des Reviers. Was aber vielleicht nicht jeder weiß: Das Untergeschoss des Essener Hauptbahnhofes sieht aus wie eine Großraumdisco der 80er-Jahre.



*Das Ruhrgebiet ist ganz schön hügelig. Tipp: Mit der Tram von Essen-Frintrop runter Richtung Oberhausen. So San Francisco-mäßig. San Francisco = Stadt in den USA.

*Die Fußgängerzone von Gelsenkirchen sieht so aus:



*Den schönsten Tramhaltestellennamen kann Duisburg für sich verbuchen: Thyssen, Tor 30.

*In der Mühlheimer Fußgängerzone gibt es so um die fünf oder neun Eisdielen.

Revier im Griff.
Schimanski-Jacke off.

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11. Oktober 2006

Bericht aus Baden-Württemberg/Stuttgart

Eine Art Heimspiel.

Im Urlaub lässt man ja gern mal fünfe gerade sein. Ich habe z.B. gleich am ersten Tag eines meiner Prinzipien gebrochen, nl. niemals etwas zu kaufen, was ich früher (früher = 80er, ganz früher = 70er) schon einmal getragen habe. In diesem speziellen Fall handelt es sich um Röhrenjeans. Jetzt kann ich aber immerhin mit der Röhre in die Röhre. Die Röhre, für alle Stuttgart-Unkundigen, war früher (s.o.) und ist heute immer noch eine Disco in einem toten Autotunnel. In der Röhre herrschte früher (s.o.) immer Endzeitstimmung, deswegen bin ich auch so gern hingegangen. Heute schaue ich selbstverständlich trotz Neo-Röhrenjeans stets positiv in die Zukunft.

Der Breuninger will Weltstadtkaufhaus sein, und der Breuninger ist auch Weltstadtkaufhaus. Aber nur im Erdgeschoss und im 1. Stock, nach oben hin wird es dann ramschig. Das macht aber nichts, das ist im KaDeWe auch so. Ganz früher (s.o.), als der Breuninger kein Weltstadt- aber ein sehr renommiertes Kaufhaus war, war unten (Breuninger U) alles reduziert, und irgendwo oben gab es eine Milchbar. Eine Milchbar - für mich seinerzeit der Inbegriff von Weltläufigkeit! Am Stuttgarter Hauptbahnhof gibt es übrigens auch eine Milchbar. Gibt es in Berlin irgendwo eine Milchbar? Kann ich mir nicht vorstellen --> Geschäftsidee?

Was ich eigentlich weiß, aber immer wieder vergesse: Alle, wirklich alle, sprechen Dialekt.

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1. August 2006

Bericht aus Wien

Wien ist leiwand, eh klar. Große Teile von Wien, der 1. Bezirk mal ausgenommen, erinnern übrigens stark an die Karl-Marx-Straße in Neukölln. Hat man also mal keine Zeit, in die Ostmark zu fahren, spaziert man einfach die KMS auf und ab. Oder man liest das:

*In Wien ist sehr viel alt. Die Straßenbahn beispielsweise, die Bim, könnte man getrost auch Elektrische nennen.

*Wenn irgendetwas mal nicht alt ist, dann werden die Wiener nicht müde zu betonen, wie neu und modern ("aktuell") diese Sache ist. Wie dieses Rezept zum Beispiel:
Geeiste Topfennockerln
20 dag Topfen (10%ig)
10 dag Staubzucker
Saft und Schale einer Zitrone
1 Packerl oder Sackerl Vanillinzucker
1 1/2 Blatt Gelatin
1/4 l Schlagobers
Topfen, Staub- und Vanillinzucker, Zitronensaft und -schale verrühren. Gelatin in kaltem Wasser einweichen, ausdrücken, erwärmen. Zunächst einen kleinen Teil der Topfenmasse mit der Gelatin verrühren, dann alles vermischen. Zu guter Letzt den/die/das festgeschlagene/n Obers unterheben. Das Ganze im Eiskastl fest werden lassen. Nockerln ausstechen, dazu beliebiges Fruchtmus. Leiwand!


*Hip in Wien: Lilienporzellan Modell Daisy aus den 60er Jahren. Zu kaufen auf dem Flohmarkt neben dem Naschmarkt:

Super Geschäftsidee: In Wien Lilienporzellan kaufen, Café in Prenzlauer Berg aufmachen, vielleicht in der Milastraße, Filterplörre ausschenken. Hip in ein/zwei Jahren, möchte ich wetten.

*Was gabs sonst noch zu sehen? Ach ja, exzessiv fingernägelkauende Grundwehrdienstleistende. Ich finde, Fingernägelkauen sollte ein Untauglichkeitsgrund sein. Soldat und Fingernägelkauen, nee, das ist eher eine ungute, unheilvolle Kombo.

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17. Juli 2006

Bericht aus Brandenburg

Paddeln im Spreewald ist natürlich alles andere als ein Geheimtipp, das ist ein Klassiker, aber auch für den Kenner gibt es hier immer wieder Neues zu entdecken:



* Macht man den Spreewald-Ausflug einen Tag nach der Loveparade, kommt man in den Genuss, einmal in einem komplett zugemüllten Regionalexpress zu fahren.

* In Lübbenau angekommen, macht man sich auf den Weg zu einem der zahlreichen Bootsverleihe. Bootsverleih Müller, Bootsverleih Carl, Bootsverleih Petersen, Bootsverleih König usw. Die Auswahl ist riesig, die einheimischen Geschäftsleute sind aber offensichtlich immer noch nicht in der Marktwirtschaft angekommen. Ein Interesse an einer unique selling proposition scheint nicht vorhanden zu sein. Wie soll sich denn der Kunde hier entscheiden? Das muss Paddel-Petersen heißen oder Canadier-Carl bzw. König's Kanu's!

* Hat man ein Boot ergattert, dann nichts wie hinein in die sorbischen Everglades! Der Spreewald lässt sich auf zwei Arten erschließen: So rafting-mäßig einfach drauf los, jenseits der ausgelutschten Wasserstraßen, oder man hält sich an die zivilisatorisch überformten Kanäle, immer entlang der Lübbenauer Ausgehmeile, Stichwort Sehen und gesehen werden.

* Zum Après-Paddeln sucht man eine gut bürgerliche Wirtschaft auf und probiert eine der zahlreichen Spreewaldgurken-Variationen. Dabei präsentieren die einheimischen Servicekräfte (sie lieben es übrigens, das Solarium aufzusuchen) den Touristen ihren einzigartigen Körperschmuck, genannt piercing.

* Aber aufgepasst: Macht man den Spreewald-Ausflug einen Tag nach der Loveparade, dann sind die Servicekräfte in den gut bürgerlichen Wirtshäusern sehr, sehr müde.

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23. April 2006

Bericht aus Italien

Wenn man nach einigen Jahren wieder einmal nach Italien reist, stellt man fest:
* Nach wie vor hat der dunkelblaue Herrenpullover nirgendwo einen so hohen Stellenwert wie in Italien - aber Vorsicht: nur Rundhals- niemals V-Ausschnitt.

* Ein Umdenken in der Bettdecken- bzw. Bettbezugspolitik hat leider immer noch nicht stattgefunden. Hier herrschen geradezu verkrustete Strukturen.

* Das Mountainbike ist ein besonders bei Rentnern beliebtes Fortbewegungsmittel (Stichwort Strandpromenade).

* Immer wieder schön im Frühling: Die friedliche Koexistenz von Bikinis (Touristen) und Wintermänteln (Einheimische).

* Auch in Italien werden die Jeans unten wieder eng. Da der jugendliche Italienbewohner aber ganz genau um die Wankelmütigkeit der Mode weiß, kauft er sich nicht etwa wegen dieser Modetorheit neue Hosen, nein, die alten Bootcut-Jeans werden mit Sicherheitsnadeln sorgfältig hinten an der Wade eng gemacht.

* Extrem schön ist Portofino, gruselig dagegen die people, die dort rumlaufen: Möchtegern-Herrenmenschen mit Jeep und den dazugehörigen Goldbratzen. Was u.a. damit zusammenhängt, dass es in Portofino genau fünf Geschäfte gibt: Cartier, Missoni, Hermes, LV und Gucci. Oder war es Versace? Oder Dolce? Egal - so genannte Erste-Welt-Läden eben.

Übrigens: Demnächst erscheint der neue Videoclip eines mir leider nicht bekannten italienischen Schlagersängers. Das Video wurde im mercato orientale in Genua gedreht. Die Frau mit dem Sonnenbrand auf der Nase, die im Hintergrund angestrengt versucht, der Marktfrau ihre Wünsche zu kommunizieren, dit bin icke.

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