14. Dezember 2013

Filofax

Der Dezember ist nicht nur traditionell der Monat der Jahresrückblicke, sondern auch der Monat, in dem Zukunft geplant wird, und zwar mittels Anschaffung eines neuen Kalenders.


Als junger Mensch war ich mal kalendersüchtig. Nicht, dass ich neben „Matheklausur“, „Schulball“ und „Fugazi-Konzert in München“ großartig Termine gehabt hätte; ich nutzte meinen Kalender eher als Mittel zur Selbstvergewisserung, indem ich rückwirkend mit sehr viel Liebe zum Detail notierte, wie ich den lieben langen Tag verbracht hatte. Dieses und jenes habe ich gemacht, da und dort bin ich gewesen, das bin ich, und wenn man es nicht aufschreibt, hat es nicht stattgefunden – so ungefähr.


Vielleicht kann man das mit Instagram heutzutage vergleichen: Was nicht fotografiert, hochgeladen und geteilt wird, existiert nicht. Nur dass bei Instagram aus der Selbstvergewisserung Fremdbestätigung wird. Wobei: Die Inhalte meines Kalenders damals hätte ich niemals mit anderen geteilt und als ich einmal meinen Kalender in der Stadtbibliothek verloren hatte, lief ich einige Zeit mit dem sehr, ich betone, sehr unbehaglichen Gefühl durch die Gegend, dass jetzt irgendjemand recht viel über mich weiß. Ich stelle also fest: Man kann Instagram und Kalender doch nicht miteinander vergleichen. Vergesst den letzten Abschnitt, da wollte ich wohl auf Teufel komm raus einen Zusammenhang herstellen. Früher war ich kalendersüchtig, heute bin ich Zusammenhang-herstell-süchtig.


Mir war schon klar, dass dieses Kalenderführen eine leicht zwanghafte Note hat und insgeheim bewunderte ich Leute, die keinen Kalender hatten. Matheklausur? Mir doch egal! Trotzdem konnte ich von den Kalendern nicht lassen. Keinen Kalender führen kam für mich gleich nach Schule abbrechen und keine Ausbildung machen.


Deshalb kaufe ich mir jedes Jahr im Dezember einen neuen Kalender, ich kann nicht anders. Natürlich schreibe ich nicht mehr jeden Mist hinein, sondern nur noch wirklich wichtige Sachen wie 14 Uhr Team-Meeting, 16 Uhr TelKo, 12 Uhr 30 Mittagessen mit Kollegin XYZ, samstags vielleicht noch „Sachen aus der Reinigung abholen“. That’s it! Aber ein Kalender muss sein.


Weil ich klassikersüchtig bin, habe ich mir dieses Jahr einen Filofax gekauft. Filofax – The Original! Ihr seid vertraut mit dem Filofax-Prinzip? Nein? Man hat ein meist ledergebundenes Ringbuch, den Filofax, das man immer wieder verwenden kann, lediglich die Einlagen werden jedes Jahr erneuert. Und Einlagen gibt es zahlreiche! Neben den Kalendereinlagen, bei denen man zwischen ein Tag auf einer Seite, eine Woche auf einer Seite, eine Woche auf zwei Seiten, ein Monat auf zwei Seiten, einer aufklappbare Jahresansicht und einigem mehr wählen kann, gibt es weitere Extraeinlagen wie To-Do-Listen, Listen für Kontoübersichten, Listen für Finanzplanungen, Adresseinlagen, Geburtstagskalender, Wochenstundenpläne, verschiedene Register und vieles mehr. Jeder soll sich einen seinen Bedürfnissen exakt angepassten Kalender zusammenstellen können, so der Gedanke hinter dem Filofax-Prinzip. Sogar Menstruationskalender bietet Filofax an.

Allein Hasslisten gibt es keine – leider! Was hatte ich früher Spaß beim Führen meiner Hassliste, auch Hass-Hitparade genannt. Jeden Sonntag habe ich meine Hass-Top-Ten zusammengestellt, mit Auf- und Absteiger der Woche, re-entry, new-entry usw. Meist tummelten sich bescheuerte Lehrer, nervige Typen, Tussis und bekloppte Mitschüler auf den vorderen Plätzen und als wir das Nibelungelied durchnahmen, konnte sich Hagen von Tronje sogar mehrere Wochen auf Platz Eins halten. Die Hassliste ist neben der To-Do-Liste als Kategorie in meinem neuen Filofax also auf jeden Fall gesetzt!


Neulich habe ich einmal das Stichwort Filofax bei Youtube eingegeben. Ich hatte ja keine Ahnung! Videos mit Titeln wie “How to keep your life organized with a Filofax”, “My Filofax”, “My Filofax Setup”, “My detailed Filofax Setup”, “Update look at my personal Filofax”, “What’s in my Filofax?”, “My very first Filofax and how I set it up” zeigen, dass Kalendersucht ein Riesenproblem darstellt! Von der Dunkelziffer ganz zu schweigen. In Anlehnung an das berühmte Jesus’sche Diktum möchte man den Leuten zurufen: Der Kalender ist um des Menschen willen geschaffen und nicht der Mensch um des Kalenders willen! Trotzdem ist es natürlich enorm beruhigend zu wissen, dass es Leute gibt, die in Sachen Kalender schlimmer sind, als man selbst jemals gewesen ist.

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5 Kommentare:

OpenID suschna

Ziemlich weit oben auf meiner Hassliste stünde der weinrote Filofax, den ich mir am Anfang meines Berufslebens gekauft hatte weil ich dachte, ich will auch wichtig sein. (Das war ja quasi das Smartphone von damals).
Allein diese vielen Lochringe, in denen man sich die Finger klemmt und nichts eigenes hinzufügen kann. Und nie sieht man alles auf einmal, immer muss man blättern und wird von Terminen überrascht.
Nein, ganz kleine Moleskines für gelegentlich wichtige Notizen sind mir viel lieber.

17. Dezember 2013 um 12:54  
Blogger frifris

Ich bin via suschna hier gelandet (danke) und amüsiere mich beim hinterherlesen.
Filofax - noch nicht ausgestorben? Die ersten tauchten (in meiner Erinnerung) noch vor dem Abi bei den wohlhabenderen Schülerinnen auf. Bilde ich mir ein. irgendwie traten die dann auch in diesen 90er Filmen vermehrt auf, oder?
Also, ein Leben ohne Kalender - nein, niemals nicht. Und irgendwie geht das bei mir auch nur handgeschrieben. Vorzugsweise den Wochenüberblick mit Platz für persönliche Hass, äh, to-do-Listen auf der anderen Seite.

Und, als Ergänzung: diese Magnum- Männershorts, ja, die waren so kurz früher (nicht fragen, woher ich das weiß). Wow, wie absonderlich das (heute) aussieht! Waren früher alle blind?!

17. Dezember 2013 um 19:47  
Blogger ROSINE

Ha ha, ja genau! Anfang der 90er habe ich mal eine Weile als Babysitterin für das Kind einer Regisseurin gearbeitet. Die hatte sogar zwei Filofaxe, Riesendinger. Daran habe ich erkannt, diese Frau ist wichtig! Und stimmt, 1990 gab es mal einen Film, "Filofax – Ich bin du und du bist nichts" hieß der (ob ich mir den mal ausleihe?).

Zur Zeit gibt es, glaube ich, wieder einen kleinen Filofax-Hype, getragen allerdings von Leuten mit eher wenig Terminen, aber großer Freude am dekorieren - anders kann ich mir Youtube-Videos mit Titeln wie "Decorating my Filofax, week #29", "What I use to decorate my Filofax" oder "How to make your Filofax pretty" nicht erklären.

17. Dezember 2013 um 21:16  
Blogger frifris

Das ist dann wohl das öffentlichkeitsoffensive Filo-Scrapbooking. Kalender kann man anderen Leuten auch mal unter die Nase halten - "mal sehen, ich hab diese Woche doch so viele Termine" - bei Tagebüchern/Fotobüchern ist das vielleicht doch zu irritierend im Büro ;).
Tja, und Scherenschnitte auf dem Smartphone sind halt doch irgendwie kontraproduktiv.

18. Dezember 2013 um 16:02  
Blogger ROSINE

Folgendes vergaß ich zu erwähnen: Abgeblich macht Anna Wintour, wenn sie bei den Schauen in der front row sitzt, ihre Notizen in einem Filofax.

21. Dezember 2013 um 19:10  

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