Nostalgie
Nostalgie? Bin ich ein Riesenfan von! Ich beeile mich allerdings, umgehend zu ergänzen, dass ich natürlich kein Riesenfan der „früher war alles besser“-Nostalgie bin, sondern Riesenfan einer modernen, cleanen Version der Nostalgie. Vertreterinnen, Anhängerinnen und Verfechterinnen dieses neuen, reduzierten Nostalgiekonzepts wissen natürlich allzu gut, dass früher alles genauso gut/schlecht war wie heute bzw. tendenziell heute das meiste eher besser ist, als es früher war, in der Rückschau aber durchaus der Eindruck entstehen kann, früher sei das eine oder andere vielleicht ein klein wenig besser gewesen, dass dieser Eindruck jedoch unter Umständen täuscht.
Als gemäßigte Nostalgiefanatikerin liebe ich es natürlich,
durch alte Magazine zu blättern, alte Werbeanzeigen zu studieren und mich von
meiner Phantasie auf einen Parforceritt durch Nachkriegsdeutschland oder sonst
wohin mitnehmen zu lassen.
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Kupon - ob das jemals dudenkonform war? |
Manchmal kriege ich dann total die Lust, einmal einen dieser
alten Coupons, mit denen man Kataloge oder ähnliches anfordern kann, auszufüllen
und zu verschicken. Ich male mir aus, wie sich die Postmitarbeiter dann den
Coupon mit der alten Postleitzahl herumreichen und sich gegenseitig versichern,
was das für eine schöne Zeit war
– damals, als es noch die alten vierstelligen
Postleitzahlen gab. Ein großes Hallo stelle ich mir da vor.
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Honestly, wtf? Wo soll ich denn hier meine Anschrift reinschreiben? |
1993, als das fünfstellige Postleitzahlensystem eingeführt
wurde („Fünf ist Trümpf“), habe ich übrigens bei der Post gejobbt. Ich weiß
also, wovon ich rede. Eine krasse Nostalgiewelle hat die Umstellung vom vier- auf das fünfstellige Postleitzahlensystem seinerzeit
bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verursacht, denn alle spürten die historische
Tragweite dieser Zäsur. Nichts würde mehr so sein, wie es früher einmal war!
Sogar wir von der Tübinger Post wurden von dieser Nostalgienummer
ergriffen, obwohl es bei uns überhaupt keine richtigen Postlerinnen und Postler
gab. Die Tübinger Post war fest in studentischen Händen! Auch die leitenden
Angestellten waren Studenten oder besser ehemalige Studenten, die den Absprung
nicht geschafft hatten und bei der Post hängengeblieben waren. Deswegen sind
wir beim Betriebsausflug auch nicht Bowlen oder Kegeln gegangen, sondern haben
uns beispielsweise einen Rokoko-Bibliothekssaal angeschaut oder ein
Prämonstratenserkloster besichtigt. Das war vielleicht schön!
Einige der
Kollegen befanden sich in der letzten Phase ihrer Doktorarbeit, worauf
selbstverständlich Rücksicht genommen wurde. Die Doktoranden wurden mit
Glacéhandschuhen angefasst und mussten zum Beispiel niemals den Siebner machen.
Der Siebner – also der Postleitzahlenbereich Sieben – war die absolute
Königsklasse in punkto Briefe sortieren. Erste Liga und erste Sahne zugleich.
Man musste unglaublich schnell und wendig sein und sich ganz viel merken können.
Geographiekenntnisse haben nicht geschadet, sondern genützt. Mann, war ich
vielleicht aufgeregt, als ich zum ersten Mal den Siebnerdienst hatte. Aber ich
habe es gemeistert! Einmal habe ich sogar geträumt, mein Magisterzeugnis werde
mir von der Post überreicht. Und es gab die irrsten Zulagen für jeden Quatsch.
Zum Beispiel Sohlengeld, wenn man diesen Dienst hatte, bei dem man in einer
sehr komplizierten Choreographie durch die Gegend rennen und die Fächer der
anderen Briefsortierer leeren musste. Sohlengeld fünf Mark stand dann auf dem
Lohnzettel. Ja, liebe Kinder, so war das damals. Eine schöne Zeit! Aber
heutzutage ist es auch super!
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Ob es dieses Feinschmeckerstudio wohl noch gibt? Großes Rätselraten meinerseits. |
Nicht nur das Sohlen-, sondern das komplette Geld habe ich
übrigens in Klamotten investiert. Damals Klamotten, aus heutiger Sicht 90er-Jahre-Klamotten. Siehe unten. Natürlich habe ich das
Notizbuch aufgehoben, in dem ich vermerkt habe, welche Anziehsachen ich gern
hätte. Für Euch zur Info: Pinterest gab es damals nicht. Man hat Modezeitschriften
gelesen und was man gut fand, hat man rausgerissen und in ein sogenanntes Heft geklebt.
So war das damals!
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Labels: Die neue Dünkelhaftigkeit