6. März 2020

Ode an Edith

Es gab Zeiten, in denen es harte Arbeit war, fashionable zu sein. Geld allein genügte nicht – man brauchte Zeit, Wissen, Beziehungen, Informanten und Nerven, um an die Kleidungsstücke zu kommen, die für die Realisierung des eigenen Stils entscheidend waren.

Glücklich, wer während eines Ferienjobs zufällig auf eine Levis 501 stieß; alle anderen mussten für eine solche Jeans nach Berlin trampen. Für einen hellblauen Sixties-Anorak wühlte man sich durch Berge muffiger 2nd-Hand-Klamotten und wenn man jemanden kannte, der jemanden kannte, der mit seinen Eltern nach Amerika fuhr, konnte man über diese Connection eventuell an Converse-Turnschuhe kommen. Wollte man Paninaro sein, musste man nach Italien fahren, bestimmte Punk-Utensilien gab es ausschließlich in London.

Heutzutage kann man fast überall fast alles kaufen, alle Looks, alle Styles und in allen Preisklassen, und wenn nicht, kann man es im Internet bestellen. Um modisch up to date zu sein, reicht ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital braucht man nicht mehr: Man kauft einfach das, was die Influencer*innen der jeweiligen modischen Peergroup, der man angehören möchte, auf Instagram tragen.

Diese Entwicklung kann der Fashion-Avantgarde nicht gefallen! Schließlich ist der Distinktionsmehrwert beispielsweise einer Tasche von Bottega Veneta gleich null, wenn sich alle, die genügend Geld haben (und das sind viele), diese Tasche kaufen können – auch wenn Daniel Lee, Kreativchef bei Bottega Veneta, als neuer uber designer gehandelt wird.

Was also machen Fashion-Enthusiast*innen, um sich von der Masse abzugrenzen? Sie kaufen archival fashion. Virgil Abloh, ein weiterer „supernova designer“, hat vor ein paar Wochen in einem Interview die Richtung vorgegeben:

„I think that like we’re gonna hit this like, really awesome state of expressing your knowledge and personal style with vintage – there are so many clothes that are cool that are in vintage shops and it’s just about wearing them. I think that fashion is gonna go away from buying a boxfresh something; it’ll be like, hey I’m gonna go into my archive.

Um die gewünschte Distinktion zu erlangen, reicht es natürlich nicht, einfach in den nächsten 2nd-Hand-Laden zu spazieren und etwas Altes anzuziehen. Es muss etwas spezielles Altes sein, rar und schwer zu finden, und es muss etwas sein, mit dem man Modegeschichtswissen demonstrieren kann – Wissen, das andere nicht haben. Das könnten zum Beispiel die „Cuba“-Slip-Ons aus der Herbst/Winter-2002-Kollektion von Comme Des Garcons Homme sein, der letzten Kollektion von Designer Keiichi Tanaka, bevor Junya Watanabe diesen Posten übernommen hat. Oder eine Versace-Jeansjacke aus der Frühjahr/Sommer-1995-Kollektion mit dem signature butterfly print in 3D.

Optimalerweise hat man natürlich – Virgil Abloh deutet es oben an – ein eigenes Archiv, in das man, hey, gehen kann. Ein Archiv habe ich nicht, bei dem Distinktionstrend kann ich aber trotzdem mitmachen! Ich besitze nämlich eine Edith-Bag von Chloé aus der Frühjahr/Sommer-2006-Kollektion, der letzten Kollektion von Phoebe Philo für Chloé, bevor sie bei Céline anheuerte und dort einen seltsamen, komplett durchgeknallten Kultstatus erlangte. Mit dieser Tasche kann ich zeigen: Ich weiß, was Phoebe Philo vor Céline gemacht hat!


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29. Dezember 2019

Taschentücher

Papiertaschentücher – auf einmal kommen sie mir so altmodisch vor, so aus der Zeit gefallen! Feuchte, zusammengeknüllte Papierfetzen in Jackentaschen, Papiertaschentuchpäckchen, die „soft & sicher“ heißen und nicht mehr richtig zu gehen, weil an dem Klebestreifen Handtaschenkrümel hängen, ist das zeitgemäß? Wäre es nicht viel eleganter, ich zöge beim nächsten Schneuzbedürfnis ein feines Stofftaschentuch aus der Hosentasche? Beispielsweise eines mit einem dezenten Chanel-Logo in einer Ecke?

Das wäre auf jeden Fall eleganter! Allein, es gibt keine Stofftaschentücher von Chanel, zumindest derzeit nicht. Und auch nicht von Saint Laurent und Dior. Und schon gleich gar nicht von Bottega Veneta. Stofftaschentücher sind out, total out. Der Outness-Faktor von Stofftaschentüchern liegt gleichauf mit dem der Rocky Horror Picture Show.


Dabei könnten gerade die High-End-Häuser das Stofftaschentuch als Einstiegsdroge nutzen. Was man damit nicht alles machen könnte: Spezielle Motive zu Ostern, Weihnachten, Valentinstag, limitierte Kollektionen, Re-Issues, sie sind instagramierbar, man kann sie monogrammieren, selber kaufen, verschenken, sammeln und so weiter. Warum also gibt es bei den Luxus-Häusern keine Stofftaschentücher? Möglicherweise findet das Haus Chanel es nicht so gut, wenn man auf das Chanel-Logo rotzt. Der Markenkern gerät in Gefahr.


Zum Glück besitze ich bereits eine stattliche Sammlung der unterschiedlichsten Stofftaschentücher, die ich aus allen Ecken und Enden meiner Familie zusammengeerbt habe und die ich ab jetzt benutzen werde. No more Papiertaschentücher! Wenn die Zehnerjahre die Dekade waren, in der sich Leggings als vollwertiges Kleidungsstück etablieren konnten, dann werden die Zwanziger das Jahrzehnt sein, in dem die Stofftaschentücher zurückkommen. Glaubt es mir.

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20. Oktober 2019

Die Schubertring-Gräfin

Es ist ja so mit dem Internet: Den ganzen negativen Scheiß, den ganzen Hass nimmt man nur in Kauf, weil das Internet grundsätzlich eine hervorragende Sache ist und viele witzige und informative Dinge drin stehen. Geht diese Gleichung nicht mehr auf – beispielsweise wenn ich ein bestimmte Information NICHT im Internet finde – fühle ich mich persönlich betrogen. Richtig wütend werde ich da.

Nehmen wir die Schubertring-Gräfin. Nichts, Nullkommanichts findet sich im Internet zur Schubertring-Gräfin. Dabei soll sie laut Peter Yorks „The Official Sloane Ranger Handbook“ von 1982 das Wiener Pendant zu den Londoner Sloane Rangers gewesen sein:

Official Sloane Ranger Handbook

Ich flippe aus, wenn ich nicht demnächst erfahre, wie die Wiener Version des Sloane-Ranger-Looks ausgesehen hat, wo die Schubertring-Gräfinnen abends in Wien hingegangen sind, in welchen Kaffeehäusern sie herumsaßen, wo sie eingekauft und was sie sonst so gemacht haben. Und überhaupt: Der Schubertring ist nur ein kleiner Teil des Rings, zwischen Stadtpark und Schwarzenbergplatz – was hat sich dort abgespielt in den frühen Achtzigern? Und woher hatte Peter York diese Insiderinformationen? Internet gab es damals ja noch nicht. Und über das Schubertring-Gräfinnen-Phänomen steht ja eh nichts drin.

Stadtplan Wien Schubertring

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15. November 2017

How to dress like Higgins

Oh. My. God. Higgins ist tot! Nein, natürlich nicht. Higgins lebt! Und nun, nachdem sein Darsteller John Hillerman letzte Woche gestorben ist, ist es unsere Pflicht, Higgins unsterblich zu machen –
indem wir uns Higgins zum Stilvorbild nehmen.

Jonathan Quayle Higgins III. hat genau vier signature looks. Der erste ist sein Tropen- oder Safarianzug, wahlweise mit langen oder kurzen Hosen (dann mit Kniestrümpfen). In diesem Outfit nimmt Higgins alle Aufgaben wahr, die er als Majordomus von Robin Masters Anwesen wahrnehmen muss: Beispielsweise die Pflege der Bougainvillea oder des Rasens, der nur dem ungeübten Auge wie ein gewöhnlicher Vorstadtrasen erscheint: Es handelt sich vielmehr um einen kunstvoll gemischten Teppich aus Bahia, Kentucky-Blaugras und Afrikanischem Zoysia!

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Higgins Safarianzug ersetzen wir durch einen Anzug von F.R.S. mit inkorporiertem Tropenfeeling – schließlich leben die wenigsten von uns auf Hawaii. Dazu die legendären Gucci-Tennissocken und die Wallabees von Clarks, wahlweise gehen auch die Desert Boots.

Der zweite signature look von Higgins besteht aus einem dunkelblauen Club-Blazer mit Goldknöpfen, hellen Hosen und einer gestreiften Krawatte. Dieses Outfit trägt Higgins in Situationen mit semi-formellem Charakter: Beispielsweise als Stellvertreter von Mr. Masters im Vorstand des King Kamehameha Clubs, als Mitglied im Vollblutzüchterverband von Hawaii, als Vizepräsident ehrenhalber im Yachtclub, als Leiter des Einkaufskomitees der Société du Vin, als Vorsitzender des Britischen Seemannfonds, als Vorsitzender der Gesellschaft für unterprivilegierte Kinder, als Mitglied bei den Anglo-polynesischen Gelehrten der See, als Vorsitzender der Englischen Gesellschaft der Sandwich-Inseln, als Mitglied der Historischen Gesellschaft der Aloha, als Ehrenvorsitzender der Söhne des Empire, als Vorsitzender des Vereins zur Rettung des dreiteiligen Palolowurmes, als Mitglied im anglo-franco-hawaiianischen Veteranenverein sowie als Mitglied des anglo-polynesischen Wohlfahrtsvereins.

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Unser Club-Blazer trägt nicht wie der von Higgins das Abzeichen des Yorkshire Regiments, sondern stammt von Dries van Noten; die gestreifte Krawatte ersetzen wir durch eine Seidenhalstuch und mit einem hellblauen Hemd von Balenciaga, einer weiten hellen Hose und den weißen Gucci-Loafern sind auch wir für alle gesellschaftlichen Tagesereignisse gerüstet.

Ganz selten ist Higgins einmal krank; wenn dies der Fall ist oder wenn er zusammen mit den Dobermännern Zeus und Apollo eine der weniger bekannten Verdi-Opern anhören möchte, trägt Higgins seinen Hausmantel:

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Natürlich ist Higgins auch abends angemessen gekleidet: Bei zwanglosen Abendessen auf dem Anwesen mit dunklem Samtblazer und Halstuch, bei formellen Anlässen im dinner jacket:

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Zu dem Tom-Ford-Jackett tragen wir ein weißes T-Shirt und Leder-Leggings. Ob es diese sagenhaften weinroten Gucci-Stiefeletten im Gucci-Store auf der Kalakaua Avenue in Waikiki gibt? Oder in dem auf dem Ala Moana Boulevard? Diese Frage muss unbeantwortet bleiben, genau wie die Frage, ob Higgins in Wirklichkeit Robin Masters ist.

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28. Februar 2016

Fünf Gründe für englische Wachsjacken. Eine Liebeserklärung

1. Verwirrung. Englische Wachsjacken, besser bekannt als Barbour-Jacken, gelten als Uniform englischer Adliger und konservativer Jura-StudentInnen. Ich bin weder das eine noch das andere; somit kann ich problemlos Barbour-Jacken tragen, ohne diese vorgefertigte Lesart zu evozieren. Trotzdem schadet es natürlich nicht, ein Kleidungsstück zu besitzen, in dem man theoretisch den Eindruck erwecken könnte, man sei entweder eine verarmte Adlige, die nichts mehr besitzt außer ihrem Dünkel und der mehrfach geflickten Wachsjacke, oder eine Tochter aus gutem Hause mit einem abgebrochenen Jurastudium.

2. Glastonbury. Barbour-Jacken geben einem außerdem die Möglichkeit, sich wie Alexa Chung auf dem Glastonbury-Festival zu fühlen, ohne das Glastonbury-Festival besuchen zu müssen. Das ist deswegen praktisch, weil mich keine zehn Pferde auf so ein Festival bringen. Niemals.

Ihre Ladyschaft Diana, Alexa Chung, Helen Mirren, die Queen, alle in Barbour

3. Funktionskleidung. Ständig wird lamentiert, die Leute in Deutschland würden nur noch hässliche Funktionskleidung tragen, auch wenn keine Funktionskleidung nötig ist. Meine Bewegungs-App sagt mir, dass ich täglich durchschnittlich 13,55 km Fahrrad fahre. Mit Fug und Recht dürfte ich also Regenfunktionskleidung tragen. Mache ich aber nicht. Ich nehme stattdessen meine Bürgerpflicht war, trete mit meiner Wachsjacke dem Funktionskleidungseinerlei in deutschen Innenstädten entgegen und werde lieber nass. Das stimmt nämlich gar nicht, dass Barbour-Jacken wasserdicht sind. Die sind nur bedingt wasserdicht.

4. Vielseitigkeit. Man kann Barbour-Jacken immer und zu allem tragen. Ist so! Feine und formale Outfits lassen sich mit der Jacke dezent runterdressen und bekommen ein lässiges Finish, abgeranzte Klamotten hingegen werden von der Babour-Jacke aufgrund ihrer soliden, sichtbar auf Langlebigkeit angelegten Machart enorm aufgewertet.

5. Geld. Aufgrund ihrer Vielseitig- und Langlebigkeit gehören Barbour-Jacken zu den preiswertesten Kleidungsstücken überhaupt. Das lässt sich leicht mit der cost-per-wear-Formel ausrechnen:

cost of the item : number of wears = cost per wear

Meine alte Wachsjacke habe ich vor fünf Jahren für ungefähr 350 Euro gekauft. Ich habe diese Jacke jedes Jahr in den Monaten Februar bis April und September bis November täglich, in den Monaten Mai, Juni und Dezember ungefähr an der Hälfte der Tage und im Januar, Juli und August wahrscheinlich nicht getragen. Das macht ungefähr 225 Tage pro Jahr, an denen ich die Jacke getragen habe, in fünf Jahren also insgesamt 1125 Trage-Einheiten. Somit hat meine Jacke folgenden CPW-Quotienten:

350 Euro : 1125 Trage-Einheiten = 0,31 Euro

Berechne ich ein, dass ich die Jacke in den letzten fünf Jahre zweimal zum Wachsen à 50 Euro und einmal zum Flicken und Stopfen (ebenfalls 50 Euro) gegeben habe, komme ich auf einen derzeitigen CPW-Quotienten von 44 Cent – ein sensationeller Wert!

Alle mathematisch interessierten und versierten Leserinnen und Leser möchte ich nun eindringlich auffordern, die CPW-Formel um folgenden Aspekt zu erweitern: Ich habe mir in den letzten fünf Jahren keine weitere Jacke gekauft; aufgrund der oben beschriebenen Vielseitigkeit war das nicht nötig. Durch das Tragen der Jacke sind mir also eigentlich keine Kosten entstanden. Im Gegenteil – ich hab ein dickes Plus gemacht, oder? Jetzt möchte ich natürlich wissen, wie hoch dieses Plus ist.

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14. Februar 2015

Suspense

Ahhhhhhhhhhhhhhhhhh, ich bin derzeit mal wieder total auf dem Victoria-Holt-Trip! Victoria Holt ist eines von vielen Pseudonymen der britischen Schriftstellerin Eleanor Hibbert, ihres Zeichens Verfasserin sogenannter historischer Romane. Ich möchte hier allerdings nicht unerwähnt lassen, dass ich innerhalb der letzten 30 Jahre so ziemlich alle Bücher von Victoria Holt gelesen habe und trotzdem von britischer Historie nicht die geringste Ahnung habe. Ja, sicher, Victoria Holts Romane haben immer irgendetwas mit der Vergangenheit zu tun, aber nicht mit einer konkreten, an Jahreszahlen festzumachenden Vergangenheit, sondern mit so einer Art Universal-Vergangenheit. Neulich beispielsweise las ich "Das Geheimnis der Schwestern" (englisch "Bride of Pendorric") und war total irritiert, als in dem Roman auf einmal ein Telefon auftauchte! Ich dachte, die Story würde siebzehnhundertnochwas spielen wegen all der uralten, zugigen Herrenhäuser, der Steilküsten in Cornwall, der Ausflüge ins Moor und der Kleider aus grünem Samt. Wenn Ihr mich fragt, ist Victoria Holts Genre weniger der historische Roman, sondern vielmehr der Romantik-Thriller, auf Englisch heißt das, glaube ich, Gothic Novel, Gothic Romance oder Gothic Mystery bzw. Romantic Suspense und ich lehne mich sicher nicht allzu weit aus dem Herrenhausfenster, wenn ich Victoria Holts Œuvre als trivial bezeichne. So trivial, wie uns der folgende Buchdeckel weismachen will, aber nun auch wieder nicht!


"The Shivering Sands", zu Deutsch "Treibsand", ist mein ab-so-lu-tes Lieblingsbuch von der Holt! Das oben abgebildete Exemplar hat mir einmal meine Schwester geschickt, als ich sehr krank war, woraufhin ich durch den enormen Lese-Fun ziemlich bald wieder gesund wurde. Seit wir es zum ersten Mal aus der evangelischen Gemeindebücherei unseres Heimatdorfes ausgeliehen haben, ist Treibsand nämlich nicht nur mein Lieblingsbuch, sondern auch das meiner Schwester.


Die Hauptpersonen in den Victoria-Holt-Romanen sind immer junge Frauen, die es irgendwie (meist als Gouvernante) in eines dieser alten englischen Gemäuer verschlägt, wo es natürlich auch spukt! Die jungen Frauen sind aber allesamt sehr klug und rational (was man z.B. daran erkennt, dass sie im Schachspiel brillieren) und klären im Laufe der Geschichte auf, dass hinter dem Spuk beispielsweise ein psychisch krankes Familienmitglied steckt, das den ganzen Zinnober inszeniert hat, um die Protagonistin wieder zu vertreiben und/oder um ein uraltes Familiengeheimnis zu bewahren. Das Ganze ist natürlich irre spannend! Und obwohl die Protagonistinnen sehr klug und rational denken und handeln, haben sie aber überhaupt kein Problem damit, auch mal dem Ruf ihres Herzens zu folgen! In fast jedem Roman spielt übrigens auch ein Dorfpfarrer mit, der in einem dieser hübschen kleinen englischen Cottages wohnt, welches wiederum als Gegenwelt zu den gruseligen, burgartigen Adelslandsitzen dient. Ob der Dorfpfarrer der Grund ist, warum in unserer evangelischen Gemeindebücherei nicht nur das Holt‘sche Gesamtwerk, sondern auch das der sieben anderen Alter Egos von Eleanor Hibbert verfügbar war? Aber vielleicht war auch die Bibliothekarin Frau S. Romantic-Suspense-Fan. Man weiß es nicht.


Für meine Schwester und mich war es jedenfalls nicht nachvollziehbar, ja, geradezu unfassbar, dass ein dermaßen gutes Buch wie Treibsand bisher noch nicht verfilmt worden war – ein ganz klarer Fall für uns! Wir wohnten mittlerweile in Tübingen und so machten wir uns mit Dollar- bzw. Pfund-Sterling-Zeichen in den Augen gemäß Bourdieus Habitus-Konzept nicht etwa in eine der zahlreichen Tübinger Universitätsbibliotheken auf, sondern gingen in die Tübinger Stadtbibliothek, um uns dort ein "Wie schreibe ich ein Drehbuch"-Buch auszuleihen. Aber irgendwie war der Drehbuch-Ratgeber Mist, wir verzettelten uns schon bei der Eingangssequenz heillos und ich bin dann nach Berlin gezogen. Der schöne Plan verlief im (Treib-)Sand! Aber vielleicht waren wir ja nur unserer Zeit voraus!? Es waren die Neunziger – zwanzig Jahre vor dem Downton-Abbey-Hype. Ob man vielleicht noch einmal einen Versuch wagen sollte? The Shivering Sands als Mini-Serie – eventuell ein Dreiteiler? Denn im Prinzip sind die Bücher von Victoria Holt auch nichts anderes als Downton Abbey, nur mit weniger Kitsch, aber dafür umso mehr Suspense!

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18. Januar 2015

Graue Haare

Nicht nur beim Friseur, sondern auch sonst werde ich recht häufig auf meine grauen Haare angesprochen – wie toll und speziell und interessant das aussähe! Dabei sind ungefähr 80 Prozent meiner Haare nach wie vor dunkelbraun bis schwarz, die restlichen 20 Prozent sind in Form von zwei Strähnen vorne rechts und links des Scheitels grau. Ich bin über vierzig, genaugenommen könnte man auch sagen, ich bin Mitte vierzig, es ist also völlig normal, graue Haare zu haben, oder etwa nicht?

Ich weiß, ich weiß, das große Hallo gilt natürlich nicht meinen grauen Haaren, sondern der Tatsache, dass ich meine grauen Haare nicht färbe. Hierzu möchte ich wie folgt Stellung nehmen: Ich wohne in einer Stadt mit Doppeldeckeromnibussen und wer wie ich nicht nur einmal, sondern unzählige Male beispielsweise mit dem M29er vom Grunewald über den Kurfürstendamm an der Urania vorbei durch Kreuzberg zum Hermannplatz gegondelt ist und dabei reichlich Zeit hatte, vom Oberdeck aus auf all die schlampigen, rausgewachsenen grauen Ansätze und die schlecht in Eigenregie gefärbten Haare hinunterzuschauen, kann eigentlich überhaupt keine andere Entscheidung treffen, als graue Haare NICHT zu färben! Und für ein high-maintenance-Projekt wie alle drei Wochen zum Friseur zu gehen, um die Ansätze nachfärben zu lassen, bin ich nicht nur zu faul/habe ich nicht nur zu wenig Zeit, ich gebe mein Geld auch ungern für Haarfarbe aus, sondern natürlich ausschließlich für Essen, Klamotten, Schminksachen und Beautyprodukte. Deswegen: Gefärbte Haare nicht für mich!

Meine These, dass es aus oben genanntem Grund in Städten mit Doppeldeckerbussen mehr grauhaarige Frauen gibt, wird übrigens bestärkt von meinen beiden Stil-Vorbildern in Sachen graue Haare, Ruth Chapmann und Sarah Harris.

Links Sarah Harris, rechts Ruth Chapman (Bild stammt von Tommy Ton)

Ruth Chapman ist CEO von einem weltweit agierenden, in London ansässigen online-Retailer und Sarah Harris hat irgendeinen Posten bei der Vogue UK inne. In London gibt es bekanntermaßen (Genau wie in Berlin!) Doppelstockbusse und ich stelle mir gern und oft vor, wie Sarah Harris und Ruth Chapman im Oberdeck eines dieser roten Busse durch London zu ihrer Arbeit gegurkt sind und dabei (Genau wie ich!) beim Hinaus- beziehungsweise Hinunterschauen zu der Überzeugung gekommen sind, dass graue Haare nicht nur weitaus besser als schlecht gefärbte Haare mit rausgewachsenen Ansätzen, sondern insgesamt ziemlich okay aussehen. Swag!

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16. November 2014

Schuhbeutel

Vor ein paar Jahren hatte ich mal sechs Wochen lang in Frankfurt am Main zu tun. Sonntagabends fuhr ich mit dem Zug nach Frankfurt und freitagabends zurück nach Berlin. Gewohnt habe ich im Hotel. Netterweise haben mir die Hotelangestellten immer dasselbe Zimmer zugewiesen, sodass ich in diesen sechs Wochen ein gewisses Hotel-Heimatgefühl entwickelte. An einem der Sonntagabende entdeckte ich – also, das war wirklich total seltsam, ich packte gerade meine Sachen aus – hinter dem Vorhang meines Zimmers einen Schuhbeutel, einen einzelnen Louis-Vuitton-Schuhbeutel. Wer hatte am Wochenende in MEINEM Bettchen geschlafen???

Dies war nicht nur der Moment, in dem ich das Märchen Schneewittchen und die sieben Zwerge zum ersten Mal wirklich durchdrang, sondern auch der Moment, in dem mir klar wurde, dass man Schuhbeutel tatsächlich dazu benutzt, um Schuhe hineinzutun und damit zu verreisen. Ich benutze Schuhbeutel für alles mögliche, aber Schuhe habe ich noch nie darin verstaut. In diesem Schuhbeutel bewahre ich beispielsweise meine Wäscheklammern sowie eine Ersatzwäscheleine auf:


Im folgenden Beutel befinden sich verschiedene Beautytools und -devices elektrischer Natur. Von Schuhen keine Spur!


Wenn ich Proviant zur Arbeit mitnehme, dann transportiere ich meine Vesperbox in diesem lila Beutel:


In diesem Herrenschuhbeutel finden sich  - weil Abba draufsteht - neben dem Ladekabel für mein Mobiltelefon Kopfhörer in verschiedenen Größen und Ausführungen. Warum auch nicht.


Die nächsten beiden Beutel müssen noch ihrer Bestimmung zugeführt werden. Vielleicht Schnürsenkel in den einen und Haarbürsten in den anderen? Ich habe irgendwo mal gelesen – und das will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen –, dass man Haarbürsten immer in einem Stoffsäckchen aufbewahren muss, um sie vor dem Einstauben zu schützen. Dann muss ich zumindest nicht mehr jeden Morgen beim Haarebürsten daran denken, dass Bürsten eigentlich in einen Stoffbeutel gehören!



Bei diesem Riesensack handelt es sich natürlich nicht um einen Schuhbeutel, sondern um eine sogenannte dust bag für Handtaschen. Inhalt: Sachen, die geflickt werden müssen.


Was aus dem Louis-Vuitton-Schuhbeutel geworden ist, weiß ich leider nicht. Ich habe ihn einfach hinter dem Vorhang liegenlassen, bin freitags nach Berlin gefahren und als ich sonntags zurückkam, war er verschwunden.

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17. Oktober 2014

Do It Yourself

Nicht, dass ich mit meiner Ungeschicklichkeit kokettieren möchte, aber wie es mir neulich nicht gelang, das Rücklicht meines Fahrrads selbst zu reparieren, will ich Euch doch erzählen.

Am Sonntagabend auf dem Nachhauseweg von einer Radtour bemerkte ich, dass mein Rücklicht nicht mehr funktioniert. Das kommt vor, sagte ich mir, da muss ich mir wohl ein neues Rücklicht kaufen! Am Montagmorgen stellte ich mir etwas Werkzeug zusammen, stopfte es in eine dieser kleinen dm-Plastiktüten, welche ich wiederum Matroschka-mäßig in meine Fahrradtasche warf. Der Plan war: Pünktlich Feierabend machen, auf dem Nachhauseweg das neue Rücklicht kaufen, sofort installieren, um so bei Einbruch der Dunkelheit mit Licht weiterfahren zu können. Und so geschah es auch: Rein in den Radladen, Licht gekauft, raus aus dem Radladen, um im goldenen Glanz der herbstlichen Abendsonne mein neues Rücklicht ranzumontieren. Wie Queen Elisabeth fühlte ich mich, als sie seinerzeit im Zweiten Weltkrieg als KFZ-Mechanikerin Lastwagen reparierte! An meinen Händen befand sich Schmieröl.


Allein, es taten sich Widerstände auf. Ich konnte nämlich die Steckkontakte nicht finden, an die ich die beiden kleinen Kabel anschließen musste, die aus dem Nabendynamo im Vorderrad über das Vorderlicht durch den Rahmen und unter dem Schutzblech des Hinterrads hindurch die Verbindung zum Rücklicht herstellen. Ich konnte sie einfach nicht finden! Etwas unleidlich, aber mit dem Ersatzplan, am nächsten Tag die Kollegen aus der IT-Abteilung um Hilfe zu bitten, fuhr ich heim. Die müssen das wissen, die haben ja den ganzen Tag mit Kabeln zu tun.


Am nächsten Morgen berichtete ich am Fahrradstellplatz meiner Arbeitsstätte einer Kollegin von meinem Problem. „Liebe Rosine“, klärte mich die Kollegin nach einem kurzen Blick auf das Rücklicht auf, „da kannst Du lange nach den Kontakten suchen, das ist ein batteriebetriebenes Rücklicht, keins für einen Dynamo!“ Da stand ich nun in meiner Barbourjacke und schämte mich wegen meiner Queen-Elisabeth-Assoziation. Abends schlich ich mich unauffällig in den Fahrradladen, um möglichst unbemerkt das richtige Rücklicht zu kaufen. Die befürchtete Bloßstellung durch den Verkäufer („Warst Du nicht gestern schon mal da und hast das gleiche Licht nur für Batterie jekauft? Haste Dir wohl vergriffen, wa? Zu blöd zum Licht kaufen, wa?“) blieb zum Glück aus und auch das Montieren des Rücklichts war kein Hexenwerk, sondern geradezu ein Kinderspiel. Nur: Der Scheiß wollte trotzdem nicht funktionieren.

Schuhe: Marni

Ich mache es kurz: Wegen Arbeitsverdichtung gelange es mir am nächsten Tag nicht (es war mittlerweile Mittwoch) einen Kollegen zu bitten, sich den Mist mal anzuschauen. Also fuhr ich abends zu Karstadt am Hermannplatz – ein weiterer Besuch im Radladen stand nicht zur Debatte – um dort zumindest Batterien für das falsche Rücklicht zu kaufen. Auf dem Karstadt-Fahrradparkplatz stellte sich dann heraus, dass ich die verkehrten Batterien erworben hatte (zu klein). Wichtige atmosphärische Zusatzinfo: Es regnete in Strömen. Am nächsten Tag – Donnerstag, to whom it may concern – fand mein Kollege schließlich heraus, dass nicht mein Rücklicht, sondern ein Kontakt zwischen dem Vorderlicht und dem Kabel, das das Vorderlicht mit dem Rücklicht verbindet, kaputt war. Nun hatte ich wenigstens eine Diagnose! Ich hatte Klarheit! Nach Feierabend kaufte ich mir die passenden Batterien und fuhr halb Fisch, halb Fleisch nachhause. Das Reparieren des Kontaktes und das Anschließen des richtigen Rücklichts werde ich nun Fachleuten überlassen. Man soll auch nicht immer alles selbstmachen! DIY ja, aber doch bitte im Rahmen! Bzw. im Fahrradrahmen für alle Kalauer-Liebhaber.

Auch wenn mir die Reparatur meines Rücklichts nicht gelang, so gibt es doch auch Erfolge zu berichten: Das Hinzufügen dieser schönen Treter zu meiner Schuhsammlung hat nämlich ganz problemlos funktioniert!


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22. September 2012

Nostalgie

Nostalgie? Bin ich ein Riesenfan von! Ich beeile mich allerdings, umgehend zu ergänzen, dass ich natürlich kein Riesenfan der „früher war alles besser“-Nostalgie bin, sondern Riesenfan einer modernen, cleanen Version der Nostalgie. Vertreterinnen, Anhängerinnen und Verfechterinnen dieses neuen, reduzierten Nostalgiekonzepts wissen natürlich allzu gut, dass früher alles genauso gut/schlecht war wie heute bzw. tendenziell heute das meiste eher besser ist, als es früher war, in der Rückschau aber durchaus der Eindruck entstehen kann, früher sei das eine oder andere vielleicht ein klein wenig besser gewesen, dass dieser Eindruck jedoch unter Umständen täuscht.


Als gemäßigte Nostalgiefanatikerin liebe ich es natürlich, durch alte Magazine zu blättern, alte Werbeanzeigen zu studieren und mich von meiner Phantasie auf einen Parforceritt durch Nachkriegsdeutschland oder sonst wohin mitnehmen zu lassen.

Kupon - ob das jemals dudenkonform war?


Manchmal kriege ich dann total die Lust, einmal einen dieser alten Coupons, mit denen man Kataloge oder ähnliches anfordern kann, auszufüllen und zu verschicken. Ich male mir aus, wie sich die Postmitarbeiter dann den Coupon mit der alten Postleitzahl herumreichen und sich gegenseitig versichern, was das für eine schöne Zeit war  – damals, als es noch die alten vierstelligen Postleitzahlen gab. Ein großes Hallo stelle ich mir da vor.


Honestly, wtf? Wo soll ich denn hier meine Anschrift reinschreiben?


1993, als das fünfstellige Postleitzahlensystem eingeführt wurde („Fünf ist Trümpf“), habe ich übrigens bei der Post gejobbt. Ich weiß also, wovon ich rede. Eine krasse Nostalgiewelle hat die Umstellung vom vier- auf das fünfstellige Postleitzahlensystem seinerzeit bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verursacht, denn alle spürten die historische Tragweite dieser Zäsur. Nichts würde mehr so sein, wie es früher einmal war!


Sogar wir von der Tübinger Post wurden von dieser Nostalgienummer ergriffen, obwohl es bei uns überhaupt keine richtigen Postlerinnen und Postler gab. Die Tübinger Post war fest in studentischen Händen! Auch die leitenden Angestellten waren Studenten oder besser ehemalige Studenten, die den Absprung nicht geschafft hatten und bei der Post hängengeblieben waren. Deswegen sind wir beim Betriebsausflug auch nicht Bowlen oder Kegeln gegangen, sondern haben uns beispielsweise einen Rokoko-Bibliothekssaal angeschaut oder ein Prämonstratenserkloster besichtigt. Das war vielleicht schön!


Einige der Kollegen befanden sich in der letzten Phase ihrer Doktorarbeit, worauf selbstverständlich Rücksicht genommen wurde. Die Doktoranden wurden mit Glacéhandschuhen angefasst und mussten zum Beispiel niemals den Siebner machen. Der Siebner – also der Postleitzahlenbereich Sieben – war die absolute Königsklasse in punkto Briefe sortieren. Erste Liga und erste Sahne zugleich. Man musste unglaublich schnell und wendig sein und sich ganz viel merken können. Geographiekenntnisse haben nicht geschadet, sondern genützt. Mann, war ich vielleicht aufgeregt, als ich zum ersten Mal den Siebnerdienst hatte. Aber ich habe es gemeistert! Einmal habe ich sogar geträumt, mein Magisterzeugnis werde mir von der Post überreicht. Und es gab die irrsten Zulagen für jeden Quatsch. Zum Beispiel Sohlengeld, wenn man diesen Dienst hatte, bei dem man in einer sehr komplizierten Choreographie durch die Gegend rennen und die Fächer der anderen Briefsortierer leeren musste. Sohlengeld fünf Mark stand dann auf dem Lohnzettel. Ja, liebe Kinder, so war das damals. Eine schöne Zeit! Aber heutzutage ist es auch super!

Ob es dieses Feinschmeckerstudio wohl noch gibt? Großes Rätselraten meinerseits.


Nicht nur das Sohlen-, sondern das komplette Geld habe ich übrigens in Klamotten investiert. Damals Klamotten, aus heutiger Sicht 90er-Jahre-Klamotten. Siehe unten. Natürlich habe ich das Notizbuch aufgehoben, in dem ich vermerkt habe, welche Anziehsachen ich gern hätte. Für Euch zur Info: Pinterest gab es damals nicht. Man hat Modezeitschriften gelesen und was man gut fand, hat man rausgerissen und in ein sogenanntes Heft geklebt. So war das damals!





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2. Mai 2010

1. Mai

Der 1. Mai ist vorbei und damit auch die Woche des Nachdenkens darüber, was ich auf mein Plakat für die gestern stattgefunden habende Anti-Nazi-Demo schreibe. Ach, was habe ich überlegt! Das ist schließlich nicht ganz einfach - auf der einen Seite gilt es, mit den Faschos Klartext zu reden, auf der anderen Seite muss man natürlich irre aufpasssen, dass man mit dem Plakat nicht aus Versehen zu einer Straftat aufruft und sofort verhaftet wird. Ein Zitat ist in so einem Fall nicht schlecht, habe ich mir gedacht, da kann man sich einfach herausreden, nach dem Motto Wieso? Das stammt doch gar nicht von mir, das behaupte ja nicht ich, das ist doch eine Textstelle aus einem Lied von den Ärzten und so weiter:


Obwohl, dann wird das nachher wieder bis zum Bundesverfassungsgericht hoch verhandelt, wie das nun ist, mit den Zitaten, und ich sitze jahrelang in Untersuchungshaft. Nicht schön! Der erste Entwurf musste verworfen werden.


Mein zweiter Entwurf. Juristisch absolut wasserdicht, das ja, aber vielleicht sollte man von dieser Textlastigkeit wegkommen und mehr mit Symbolen arbeiten?


Wichtig: Es muss deutlich werden, wer sich von dem Symbol angesprochen fühlen soll. Mein Mitbewohner, der übrigens nicht mehr mein Mitbewohner, sondern "mein Freund" heißen will, bitte, also mein Freund fand alle drei Entwürfe doof und schlug eine Spruch vor, der die Nazis da trifft, wo es ihnen richtig, richtig weh tut:


Brilliant! Allerdings könnten diesen Spruch unter Umständen auch die Autonomen von der Antifa in den falschen Hals bekommen und ich würde zwischen die Fronten geraten. Unangenehm! Eines ist jedenfalls klar: Die Demo-Plakat-Schreiberei hat sich zu einem schwierigen Geschäft mit allerlei Fallstricken entwickelt. Ich bin dann ohne Plakat gegangen, habe dafür aber mein schönstes Antifa-Outfit angezogen. Aber nicht den schwarzen Kapuzenpulli, sondern den hellgrauen. Auf dem schwarzen sieht man immer alle Katzenhaare so.

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3. März 2009

Das kleine Ausrufezeichen

Es braut sich was zusammen. Über dem kleinen Ausrufezeichen. Es sei prollig und krawallig, lese ich hie und da, wie gemacht für Leute, die nichts zu sagen haben, dem aber mit zahlreichen Ausrufezeichen Gewicht geben müssen, die die Rechtschreibregeln nicht beherrschen und die zudem überall dumme Apostrophe reinhauen. So ein Quatsch! Das Ausrufezeichen ist ein sehr gutes Satzeichen! Eines meiner Lieblingssatzzeichen! Zum Glück wird das Ausrufezeichen nur von Leuten diskreditiert, die ich sowieso verachte: von Leuten nämlich, die sich ständig ob ihrer hervorragenden Rechtschreibkenntnisse aufpudeln bzw. die nicht müde werden, sich über Menschen lustig zu machen, denen die Rechtschreibregeln nicht zu 100% geläufig sind. Ich bin ein großer Fan der Rechtschreibung, eh klar, aber sie zur Distinktion nach unten zu benutzen, ist doch billig und voll Panne. Mal ehrlich. Ich werde jedenfalls weiterhin das Ausrufezeichen verwenden. Außerdem heißt der Katzo mit Zweitnamen Ausrufezeichen. Na, du kleines Ausrufezeichen, so nenne ich den manchmal, wenn er so ausrufezeichenmäßig dasitzt. Na, du kleiner Punkt würde in dem Fall ja auch gar nicht passen!

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2. Februar 2009

Lästern und Intrigen schmieden

Gelegentlich überlege ich zwar, was ich besonders gut kann, meist aber grüble ich eher darüber nach, was ich nicht kann. Zum Beispiel lästern, Intrigen schmieden und fiese Allianzen bilden. Kann ich einfach nicht! Ich bringe es nicht auf diesem Gebiet! Ich weiß schon, auf dem Weg in den Himmel wird mir das honoriert werden (und ich will auf jeden Fall in den Himmel kommen), aber im Hier und Jetzt scheint mir dieses Manko eher zum Nachteil zu gereichen. Lästern und Intrigen schmieden muss man heutzutage können, Stichwort soft skills. Mein neues Projekt also: lästern lernen! Und zwar, indem ich Dallas schaue, alle Staffeln, alle Folgen, in ultimativer DVD-Qualität. Als Dallas 1981 in Deutschland anlief, galt die Serie als typisch amerikanischer kulturloser Mist, weil darin nur intrigiert, gelästert und gemobbt wird. Das Wort Mobbing kannte man damals noch nicht, ebensowenig wie das Wort Unterschichtsfernsehen, sonst hätte man die Serie gewiss so genannt. Überhaupt meine ich, in der Schule Folgendes vermittelt bekommen zu haben: Liebe Kinder, ihr seid hier auf dem Gymnasium, eure erste Fremdsprache ist Latein und lästern ist unter eurem Niveau, das machen nur Hauptschüler, denn die schauen ja auch Dallas. Ja, gewiss, es mag auch auf dem Gymnasium Fälle von Lästern geben, aber das sind Gymnasien, die als erste Fremdsprache Englisch anbieten, und bei den lästernden Schülern handelt es sich um welche, die nach der Zehnten abgehen und eine Lehre machen. Sinngemäß, natürlich. Das hat der Rektor nicht in echt gesagt. Aber gedacht. Heutzutage jedenfalls ist Lästern und Intrigen schmieden Pflichtfach von der Ersten bis zur Dreizehnten, abwählen geht nicht. Dallas ist in diesem Fach natürlich Schwerpunktthema, denn von Dallas lernen heißt lästern lernen! Man kann sich Dallas aber auch mit einem ganz anderen approach nähern, beispielsweise indem man nebenher das Nibelungenlied liest, um dabei lustige und interessante Ähnlichkeiten in puncto Erzähltechnik und -struktur zu entdecken. Das berühmte Sprichwort mus also korrekt lauten: Von Dallas lernen heißt lästern und Interessantes über Erzähltechnik lernen. So wird ein Schuh draus! Amerikanische Serien sind einfach toll, toll und nochmals toll.

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16. Juli 2008

Ruheoase für Leistungsträger

Die Gründe, warum ich kein Wohneigentum besitze, sind gar nicht mal so sehr finanzieller als vielmehr ästhetischer Natur:

- Dachgeschossneubau der Superlative
- Edles Chillout mit Blick auf die Reichstagskuppel
- The fine art of living
- Feudal-mediterraner Stadthauscharakter mit geschwungener Fassade
- High-End-Ausstattung
- Lichtkonzept im Gartenhof
- Interior Design: Glamour-Designer Eric Kuster
- Rainshower
- Französischer Kalksandstein-Kamin
- Designer-Wellness-Bad
- Sanitärausstattung von Philippe Starck Design
- Anthrazitfarbene Granitfliesen
- Extravaganter schwarzer Kronleuchter im Entree

Irks. Die Wohnungen, die mir gefallen, die kann man gar nicht kaufen, die kann man nur mieten. Ich könnte natürlich nach internationaler Heuschreckenmanier einen ganzen Straßenzug in einer vergessenen Ecke Berlins aufkaufen und dann von mir selbst eine Wohnung mieten. Ob das jedoch so gut ist, I mean, identitätsmäßig? Meine Persönlichkeit steht nämlich traditionell auf recht tönernen Füßen. Ich war schon mal kurzfristig parallel Mitglied im Mieter- und im Haus- und Grundbesitzerverein. Ist mir nicht so gut bekommen.

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8. Mai 2008

NK, NK

Komplett verkehrte Welt.

Steige ich am Bundesplatz mit meinem Rad in die Ringbahn Richtung nach Hause nach Neukölln, vor mir eine Prollfrau mit ihrem Billigmountainbike von LIDL, ALDI, was weiß ich, zu dumm zu merken, dass sie sich bewegen muss, damit ich auch noch in die Bahn reinpasse. Mache sie darauf aufmerksam, was zur Folge hat, dass sie auf sehr unangenehme, man könnte fast sagen proll-typische Art anfängt, mich anzukeifen. Dabei fuchtelt sie mir mit ihren Händen vor dem Gesicht herum. Sie hat sehr lange, echte, also verstörend gekrümmte, wahrscheinlich gelblich verfärbte - das kann ich nicht sehen, da sie metallic lila lackiert sind - Nägel (seit heute bin ich fast ein bisschen verliebt in diese gemachten porzellanigen Schaufelnägel - aber nur fast). Nicht zu vergessen ist darüber hinaus der silberne Billigschmuck, vielleicht war es auch billiger Silberschmuck, who knows, egal, sie keift herum, da schaltet sich ihr sackdummer Begleiter ein und sagt zu ihr: "Was erwartest du? Neukölln!" (augenverdreh, kopfschüttel)

Moment mal, Moment mal, Moment mal.
Muss nicht ich das sagen?
Was geht denn hier ab?
Was ist denn hier los?
Das ist doch mein Part!

Ich muss nachdenken.

Seit wann schütteln die Neukölln-Prolls über die Neukölln-nicht-Prolls verständnislos die Köpfe? Das war aber bis gestern noch andersherum! Oder machen die Neukölln-Prolls etwa - ich gebe zu: auf sehr subtile Art und Weise - gegen die drohende Gentrifizierung mobil? Aber ich habe doch gar kein Interesse daran, Gentrifizierung zu verursachen! Interessiert mich echt nicht. Ich will doch auch weiterhin am Imbiss zur Flugschneise abhängen und ein gut gemachtes Glas Mineralwasser trinken! Und außerdem, liebe Prolls, lest noch mal genau nach, z.B. in der Zeit oder im Tagesspiegel, Gentrification findet nur unten am Ufer, direkt neben Kreuzberg statt, nicht bei uns hier oben in real Neukölln (NK, NK)!
Was ist nur los?

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1. April 2008

Wo ich so drauf steh

Im Internet habe ich Folgendes gelesen: Wenn man eine Schreibhemmung hat, soll man sich die sieben W-Fragen des Journalismus stellen, und zwar so, wie man es auf z.B. der Henri-Nannen-Journalistenschule gelernt hat:

* Wer?
* Was?
* Wann?
* Wo?
* Wie?
* Warum?
* Welche Quelle?

Mit diesen W-Fragen (was) kann man (wer) nämlich aus einer Schuhsohle nicht nur ein äußerst schmackhaftes Schnitzel (was), sondern auch eine Top-Story (was) zusammenzimmern. Sagt man! Heißt es! Ich (wer) bin da eher misstrauisch (was). Da ich aber nicht nur misstrauisch, sondern zugleich mega aufgeschlossen (was) und tolerant (was) und zudem immer für eine gut gemachte Story zu haben bin (warum), probiere ich das natürlich sofort (wann) aus. In Wirklichkeit (wo) bin ich (wer) natürlich das genaue Gegenteil (was) von tolerant. Nach außen hin ja - aber in mir drin (wo): nichts als Verachtung (was) für quasi alles und jeden. Das sage ich natürlich nicht! Ich denk mir halt meinen Teil. Den lieben langen Tag (wann) latsche ich (wer) so durch die Gegend und denke mir dabei mehrfach meinen Teil (was). So können wir (wer) alle in Frieden (wie) leben. Ich (wer) halte das (was) für eine sehr gute und sinnvolle technique. Und für gut gemachte Stories habe ich (wer) eigentlich auch so gut wie gar nichts (was) übrig. Ich (wer) steh mehr so auf schlecht gemachte Stories. Schlecht geschrieben, ohne Handlung, langweilig ist auch okay. Gern auch Geschichten (was), wo jemand (wer) mal so richtig viele Fehler reinhauen wollte. So Zeug (was). Am besten (wie) ohne jedwede Quellenangabe (welche Quelle).

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20. November 2007

être à cheval sur les principes

Sehr wenig geschätzt werden Prinzipienreiter, glaube ich. Ich habe nichts gegen Prinzipienreiter, schließlich bin ich selber einer bzw. eine. Eine Prinzipienreiterin. Mein halbes Leben besteht aus Prinzipien, die andere Hälfte besteht aus – wie man aus dem Terminus andere Hälfte bereits ablesen kann – anderen und halben Sachen. Prinzipienreiter sind bei den meisten Leuten eher nicht gerade wohlgelitten, was damit zusammenhängt, dass die meisten Leute – als junge Menschen – einst sehr strenge Prinzipien hatten, diese aber nach und nach aufgaben. Und weil es gesellschaftlich nicht ganz klar ist, ob es jetzt gut ist, Prinzipien zu haben, oder eher doof und unlocker und ewiggestrig, haben Leute, die im Laufe der Jahre ihre Prinzipien leichtfertig über Bord geworfen haben, das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, wenn sie z.B. solchen hardcore-Prinzipienreiterinnen begegnen wie mir. Ja, man wird ständig diskreditiert, wenn nicht gar in Misskredit gebracht, wenn man auf etwas beharrt, und zwar aus Prinzip. Wenn die Prinzipienvertreter sagen Es geht mir hier ums Prinzip, dann sagen die Prinzipienaufgeber Stimmt doch gar nicht, dir gehts doch gar nicht ums Prinzip, dir gehts doch nur ums Geld. 1:0 für die Prinzipiengegner, es geht tatsächlich selten ums Prinzip, meistens aber auch nicht ums Geld: Wenn ich zum Beispiel sage Ich ziehe aus Prinzip keine seitlich geschnürten Lederhosen an, dann geht’s mir natürlich nicht ums Prinzip, sondern um die Ästhetik. Oder: Ich betrete aus Prinzip keinen Mediamarkt und auch keinen Saturnladen, und dabei gehts mir natürlich weniger ums Prinzip und auch nicht ums Geld – schließlich soll dort alles sehr günstig sein – als um die Ästhetik. Für andere mag vieles eine Frage der Ehre sein, für mich ist alles eine Frage der Ästhetik und damit eine Frage des Prinzips. Ich fürchte, ich müsste nach einem Mediamarkt-Besuch – ähnlich wie im Film, wenn Frauen, denen seelisch etwas ganz, ganz schlimmes zugefügt wurde, von dem sie sich im übertragenen Sinne reinwaschen müssen – stundenlang duschen.* Apropos duschen. Duschgel? Kaufe ich aus Prinzip nicht. Wieso? Sollen sich andere sackdoofe Plastikflaschen auf den Badewannenrand stellen, mir kommt derartiges nicht ins Haus. Mandarinen? Esse ich ab dem 13. November und keinen Tag vorher. Ästhetisch betrachtet ist nun mal der 13.11. der beste Tag, um die Mandarinen- und meinetwegen auch die Clementinen-Saison einzuläuten. Es würde mich höchstwahrscheinlich sehr abturnen, müsste ich z.B. am 12.11. eine Mandarine essen. Deswegen beharre ich darauf. Fertig – Punkt – Aus. Und zwar aus Prinzip.

*ein ähnlich beliebtes Filmmotiv-Kaliber wie die Frauen in Badewannen und die oben erwähnten Frauen im Film, die sich von seelischen Verletzungen stundenlang unter der Dusche reinwaschen müssen, um schließlich zitternd in der Ecke der Duschkabine zu kauern, sind Frauen, in denen innen drin etwas brodelt, die aus dem Alltagstrott ausbrechen wollen. Diese Frauen zerbrechen im Film beim Abspülen ein Glas und schneiden sich daran.

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25. Oktober 2007

Die ganz feinen Unterschiede

Nach jahrelangen Feldforschungen, Geheimuntersuchungen und verdeckten Ermittlungen in den sozialen Milieus Berlins bin ich heute endlich in der Lage, meine Theorie der ganz feinen Unterschiede vorzustellen. Es ist eine sehr schlichte Theorie, die - das sage ich nicht ganz ohne Stolz - gerade durch ihre Schlichtheit besticht und überzeugt. Reduced to the max. Deswegen finden sich hier auch keine seltsamen Kategorien wie abstiegsorientiertes, wertkonservatives Aufstiegssmilieu oder autoritätshörige, bildungsferne Leistungsträger. Nein! Seien wir doch mal ehrlich: Sooo komplex ist unsere Gesellschaft nun auch wieder nicht gestrickt. Es ist nämlich in Wirklichkeit ganz einfach, das haben meine Untersuchungen ergeben (und Pierre Bourdieu wußte es schon immer): Es gibt genau zwei entscheidene Faktoren, die soziale Milieus bilden. Das ist einmal das kulturelle Kapital (Bildung), und zum anderen das ökonmische Kapital (Geld):


Wie man dem Schaubild entnehmen kann, gibt es drei Stufen des kulturellen Kapitals und drei Stufen des ökonomischen Kapitals. An diesen Stufen gibts übrigens nichts dran zu deuteln, sehr viel Geld bedeutet sehr viel Geld, und kein Geld bedeutet kein Geld. Ganz einfach. Überhaupt: Sehr viele Menschen glauben, Geld bedeute irgendetwas anderes. Das ist aber falsch. Geld bedeutet Geld. Wer kennt nicht das berühmte Sprichwort Geld ist Geld und Schnaps ist Schnaps? Eben. Aber zurück zum Schaubild. Die unterschiedlichen kulturellen Kapitale können sich nun mit den ökonomischen Kapitalen verbinden wie sie wollen, außer - und jetzt kommt das erste bahnbrechende Ergebnis meiner Untersuchung - sehr viel Bildung und sehr viel Geld gehen selten Hand in Hand. Ich möchte sogar die These aufstellen, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Tut mir leid, ist aber so. Ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ferner gibt es bestimmte Insignien, die einerseits Aussagen über das ökonomische Kapital ermöglichen und zugleich erschreckende Rückschlüsse auf das kulturelle Kapital zulassen: Das sind die SUVs (Sport Utility Vehicles) und die Grunewaldvillen:


Also, ganz einfach, wer sehr viel Geld und keine Bildung hat, hat eine Grunewaldvilla und ein SUV. Wer kein SUV hat, hat auf jeden Fall sehr viel Bildung usw.usf. Hier noch ein Schaubild, mit dem man auf spielerische Art und Weise seine Mitmenschen hinsichtlich ihres sozialen Milieus einordnen kann:


Ich nehme mal mich als Beispiel. SUV? Besitze ich nicht, also Nein. Grunewaldvilla? Nein, habe ich nicht. Ergebnis: Sehr viel Bildung, kein Geld. Irre! Das stimmt genau! Übrigens: Wer den Test macht und mit dem Ergebnis nicht so ganz zufrieden ist, dem sei gesagt, dass es noch einen dritten Faktor gibt, den ich aber wegeskamotiert habe, um meiner Studie mehr Brisanz zu verleihen: Es handelt sich um das soziale Kapital. Das soziale Kapital ist so eine Art Herzensbildung; wenn man davon ganz viel hat, kann man natürlich einiges wettmachen. Auch wenn man einen SUV und eine Grunewaldvilla besitzt, und dadurch im keine Bildung, sehr viel Geld-Milieu gelandet ist.

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18. Mai 2007

Verschiedenes über Verschiedenes

Heul. Niko, mein Friseur, ist weg. Nicht weg, der Salon ist noch da, aber Niko, ja, genau, mein Friseur, arbeitet da nicht mehr. Seufz. Hoffentlich bekomme ich jetzt keine bad-hair-days. Merkt man eigentlich sehr, dass ich gerade versuche, einen frauenspezifischen Beitrag zu schreiben? So mit allem, was dazu gehört: Telefonieren, Freundinnen, Schuhe? Ich glaube schon. Ist nicht so ganz mein Revier. Sollen andere sich mit diesem Zeug befassen, ich interessiere mich eher für die ganz große Weltgeschichte, für gesellschaftliche Umwälzungsprozesse wie z.B. die Tatsache, dass ich gestern einen Lampenschirm neu bezogen habe. Leider konnte ich das Modell, das mir vorschwebte, nicht realisieren: Wer erinnert sich nicht gern an den wunderschönen, mit getrockneten Blüten und möglicherweise Schmetterlingen versehenen Lampenschirm aus "Hanni & Nanni gründen einen Klub" (oder war es "Hanni & Nanni geben nicht auf"?), der verdientermaßen den ersten Platz beim jährlichen Handarbeitswettbewerb auf Schloss Lindenhof erhielt? Der, obwohl von drei nervigen, unsportlichen Kleeblatt-Freundinnen gebastelt, nicht nur die strenge Frau Roberts und Klassensprecherin Hilda, sondern eben auch die O'Sullivan-Zwillinge überzeugte? Oder so ähnlich. Aber wo soll ich auf die Schnelle getrocknete Schmetterlinge hernehmen? Eben. Der neubezogene Lampenschirm ist übrigens nur ein kleines Mosaiksteinchen, ein kleines Rädchen in einem großen Wohnungs-Relaunch-Prozess, der vor einigen Wochen mit der Vertauschung von Schlaf-und Arbeitszimmer auf den Weg gebracht wurde und der gestern mit der Verbannung des Fernsehers aus dem Wohnzimmer vorerst seinen Höhepunkt erreicht hat. Es ist mal wieder an der Zeit, das Fernsehen zu verteufeln. Kommt eh nur Mist, und die Zeiten, in denen es lustig war, sich Mist anzusehen, sind auch schon eine Weile vorbei. Love it or leave it, aber Fernsehen ist absolut last century. Außer Arte natürlich. Arte ist und bleibt Pflicht.

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15. Mai 2007

Verschiedenes über Schrift

Seien wir doch mal ehrlich, es war doch früher so: Nach rechts geneigte Schrift = Gymnasium. Nach links geneigte, runde Schrift = Realschule (bzw. Gymi, aber nach der Zehnten runter). Nach links geneigte, runde Schrift mit Kringel als i-Punkte = Hauptschule. War echt so. Ja, damals war die Welt noch in Ordnung. Insgeheim hätte ich natürlich auch gern so nach links geschrieben. Mit i-Punkt-Kringel selbstverständlich. Fand ich irgendwie schicker, weltläufig. War aber absolut verpönt, Gymnasiasten-Ehrenkodex. Doch, war echt so. Klar habe ich heimlich seitenweise in der Hauptschulschrift geschrieben, man durfte sich nur nicht dabei erwischen lassen. Ich vermute schwer, dass heutzutage die nach links geneigte Schrift selbst an den besten Gymnasien gang und gäbe ist. Aufgrund der generellen Verprollung der Gesellschaft. Nee, ist echt so. Ich bin auch davon betroffen. Beweis:


Am weitesten nach rechts geneigt war meine Schrift zu Schulzeiten. Seither wird sie immer gerader. Inzwischen steht sie kurz davor, nach links zu kippen. Quod erat demonstrandum. Ich verprolle offensichtlich zunehmend.

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